«Bunter Hund»: Reinhard Meys neues Album
Berlin (dpa) - Reinhard Mey wird sein Image des «so netten und sympathischen großen Jungen» nicht richtig los, also nennt er sein neues Album kurzerhand mal «Bunter Hund», als den er sich selber eigentlich sieht - oder sehen möchte.
Und der Titel 24. deutschsprachigen Studio-Albums ist auch als vorweg genommene musikalische Abwehrreaktion auf das bevorstehende «Rentenalter» gedacht, das der Liedermacher in diesem Jahr am 21. Dezember erreicht. Ein bisschen zollt er dem Alter aber doch Respekt, auf Tournee geht der Liedermacher erst nächstes Jahr wieder, inzwischen alle drei Jahre nur noch - und füllt immer noch mit Leichtigkeit die Hallen.
Das Alter: Ja, er weiß doch, «er ist der Alte», aber mit «verdammt guter Nase», und bestimmt «kein Kuscheltier», wie Mey im Titellied singt. «Ich will nicht nur spielen...ich bin nicht immer nett» heißt es trotzig, er ist doch immer noch der Vagabund, «überall steck' ich meine Nase rein». Und wenn ein guter Freund wie Götz Alsmann liebevoll-ironisch ausruft: «Allmächtiger, der Mann ist über 60!» - belastet ihn das? «Das berührt mich in keiner Weise», sagt Mey in einem dpa-Gespräch im heimatlichen Frohnau am Rande von Berlin. «Das ist auch keine Zäsur für mich. Eher habe ich früher vor der 30 oder 40 Angst gehabt. Aber jetzt ist mir das völlig schnurzpiepe. Es gibt viel einschneidendere Dinge, zum Beispiel, wenn ein Kind aus dem Haus geht.»
Bei aller gewohnten Aufmüpfigkeit im Text ist das neue Album musikalisch ein «leises Gitarrenalbum» ohne große «Backgroundmusik» geworden, dafür mit stimmlichen Begleitern wie seinen ältesten Sohn Frederik (30) oder dem Mey-Fan, den Alemannia Aachen (und künftigen Bayern)-Fußballer Jan Schlaudraff (23), die in der Ballade «Drei Jahre und ein Tag» mitsingen dürfen. Es ist eine Hommage auf den altehrwürdigen Berufsstand der Zimmermannsleute, in die Frederik nach dreijähriger «Walz» jetzt aufgenommen wurde. Dabei durfte Sohnemann nach alter Handwerkertradition niemals näher als «30 Meilen an den Heimatkreis» geraten. «Wir alle seins Brüder, wir alle seins gleich» lautet der Refrain des Liedes.
Seine drei Kinder sind längst aus dem Haus (zum Beispiel in London oder Kambodscha) und der nun bald 65-jährige Vater umschleicht - mit nötigem Abstand und Respekt - im Keller des nun deutlich leerer und stiller gewordenen Hauses «Drei Kisten Kindheit», die er in einem Lied besingt. Sie sind angefüllt mit «wohlgehüteten Geheimnissen» seiner Kinder, der Chronik einer Kinderzeit. Vielleicht erinnern einen die Kisten aber auch an so manches Unaufgeräumte im Leben, sinniert der Liedermacher. Und natürlich auch daran, dass «die Jahre immer schneller vergehen...»
Auch sonst kommt der «alte Wolf», wie er sich in einem früheren Lied mal nannte, wieder ins leise Philosophieren über «Alltag, Schmerzen, Glück, die alten Kinopaläste - nicht einen Edgar Wallace habe ich damals verpasst! - und das ganze Universum» oder über die «liebe gute Fee», die einem «Gott sei Dank» doch nicht alle Wünsche erfüllt. Einen kleinen hatte sich Mey aber doch erfüllt, als er 2005 an seine beruflichen Anfänge in Frankreich anknüpfte, wo er vor einem Vierteljahrhundert als «Frédérik» (Friedrich ist sein zweiter Vorname) seine letzte Langspielplatte veröffentlichte und seinen eigentlichen Karrieredurchbruch erlebte. «Frédérik Mey, Vol.7» heißt das Album.
Und wer bei seinem neuen Album nach dem offiziellen «letzten 13. Lied» besonders aufmerksam ist, erlebt am Ende eine Überraschung, weil nochmal was «Französisches» nachklingt, «Le temps des cérises»,die «Zeit der Kirschen» und der ewigen Träume, der Erinnerungen und auch «offenen Wunden» der alten Vagabunden.


